2026 könnte das tödlichste Jahr auf dem Mittelmeer seit Beginn der Erfassung werden. Bereits Anfang April registrierte die Internationale Organisation für Migration (IOM) fast 1.000 Tote und Vermisste im Mittelmeer. Allein auf der zentralen Mittelmeerroute starben in den ersten Monaten des Jahres 765 Menschen – ein Anstieg um 150 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die IOM spricht von „einem der tödlichsten Jahresanfänge seit 2014“.
Doch selbst diese Zahlen zeigen nur einen Teil der Realität. Wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass zahlreiche Bootsunglücke niemals dokumentiert werden. Ganze Boote verschwinden spurlos. Forschende schätzen, dass die tatsächliche Zahl der Toten deutlich höher liegt als die offiziell registrierten Fälle. Während Menschen im Mittelmeer ertrinken, reagiert Europa nicht mit Rettung – sondern mit weiterer Abschottung.
Die europäische Grenzschutzagentur Frontex wurde in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Ihr Budget lag 2005 noch bei rund 6 Millionen Euro. Für 2026 verfügt Frontex inzwischen über ein Jahresbudget von rund einer Milliarde Euro und tausende Einsatzkräfte. Gleichzeitig baut die EU ihre Überwachungs- und Abschottungsinfrastruktur immer weiter aus:
Für sichere Fluchtwege fehlt dagegen weiterhin der politische Wille, wie auch die Mitte Juni in Kraft tretende Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) deutlich zeigt.
Die Botschaft europäischer Politik lautet längst nicht mehr: „Wir retten Menschenleben“, sondern: „Wir halten Menschen fern.“
Die EU finanziert Milizen – und nennt sie „Küstenwache“
Besonders skandalös ist die Zusammenarbeit der Europäischen Union mit der sogenannten libyschen Küstenwache.
Denn bei dieser handelt es sich keineswegs um eine reguläre zivile Seenotrettungsbehörde. Internationale Organisationen, NGOs und Journalist*innen dokumentieren seit Jahren Verbindungen zu bewaffneten Milizen, Menschenhandel und schwersten Menschenrechtsverletzungen.
Trotzdem hat die EU seit 2015 rund 700 Millionen Euro in die Zusammenarbeit mit libyschen Akteuren im Grenzschutz investiert.
Was diese Politik konkret bedeutet, zeigte sich erneut im Mai 2026.
Die Sea-Watch berichtete, dass bewaffnete Einheiten der sogenannten libyschen Küstenwache das zivile Rettungsschiff „Sea-Watch 5“ in internationalen Gewässern mit scharfer Munition beschossen hätten – unmittelbar nachdem die Crew rund 90 Menschen aus Seenot gerettet hatte. Laut Sea-Watch wurden zunächst einzelne Schüsse, anschließend Salven mit 10 bis 15 Schuss abgegeben. Die bewaffneten Boote drohten damit, das Schiff zu entern und die Geretteten gewaltsam nach Libyen zurückzubringen.
Die Crew setzte Mayday-Notrufe ab und erklärte, sie fürchte um das Leben aller Menschen an Bord.
Es war nicht der erste Angriff. Bereits 2025 wurde die „Sea-Watch 5“ nach Angaben der Organisation beschossen. Auch andere zivile Rettungsschiffe wie die „Ocean Viking“ berichteten von Angriffen und Schüssen durch libysche Akteure.
Dass von der EU finanzierte Kräfte auf zivile Rettungsschiffe schießen, müsste eigentlich ein politischer Skandal ersten Ranges sein. Doch die Reaktion Europas bleibt weitgehend dieselbe wie seit Jahren:
Schweigen, Relativieren, Weitermachen.
Kriminalisiert werden nicht die Täter – sondern die Retter*innen
Während bewaffnete libysche Akteure Rettungsschiffe angreifen, werden zivile Seenotretter*innen in Europa kriminalisiert.
Schiffe werden festgesetzt, NGOs mit Verfahren überzogen und Crews systematisch behindert. Italien weist Rettungsschiffen regelmäßig weit entfernte Häfen zu, wodurch sie tagelang aus dem Einsatz genommen werden.
Die Botschaft ist eindeutig:
Zivile Seenotrettung ist politisch unerwünscht.
Dabei schließen Organisationen wie Sea-Watch oder SOS Humanity lediglich eine Lücke, die europäische Staaten bewusst geschaffen haben. Denn staatliche Seenotrettung wurde in den vergangenen Jahren massiv zurückgefahren. 2025 stellte das Auswärtige Amt die Förderung der zivilen Seenotrettung ganz ein, bereits zugesagte Förderungen wurden zurückgezogen.
Gleichzeitig werden Schutzsuchende immer gefährlichere Routen aufgezwungen.
Das Sterben im Mittelmeer ist deshalb keine „Tragödie“, die einfach passiert.
Es ist die direkte Folge politischer Entscheidungen.
Menschenrechte enden nicht an Europas Außengrenzen
Für uns als Seebrücke Bochum ist klar:
Seenotrettung ist keine Straftat.
Menschenrechte gelten universell.
Kein Mensch ist illegal.
Wir fordern:
Das Mittelmeer darf nicht länger Europas Massengrab bleiben.
Mögliche Adressaten sind zum Beispiel: